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Ein Logbuch über Technik, Erfindungen und Kultur.
10.08.2026
Odysseus am Ufer des Skamanders
Christopher Nolans Film The Odyssey bringt Odysseus gerade wieder in die Gegenwart.
Mich interessiert an der Figur Odysseus vor allem die Frage: Was ist eigentlich das Erfinderische am Trojanischen Pferd? Es ist jedenfalls mehr als eine List. Ich finde, man kann es auch als Systemerfindung betrachten.
Die Situation ist doch folgende: Die Griechen stehen seit Jahren vor dem Problem, dass Troja derart gut befestigt ist, dass der unmittelbare Angriff nicht zum Ziel führt. Vielleicht kann man sich Odysseus in diesem Moment am Ufer des Skamanders vorstellen, etwas entfernt vom Lager der Griechen und den Blick auf Troja gerichtet. Für einen Moment steht er außerhalb der bisherigen Logik. Und er hat nun den entscheidenden Gedanken: Der Angriff lässt sich nicht einfach weiter optimieren.
Odysseus verändert deshalb die Herangehensweise an das Problem. Er stellt sich nicht mehr die Frage: Wie überwinden wir die Mauer? Sondern: Wie schaffen wir eine Situation, in der die Mauer ihre Schutzfunktion verliert? Darin steckt für mich etwas genuin Erfinderisches. Denn das Pferd selbst ist zunächst nur ein Gegenstand. Die eigentliche Erfindung liegt im Zusammenspiel mehrerer Elemente: im vorgetäuschten Abzug der Griechen, im hölzernen Pferd, in den darin verborgenen Kriegern und, vor allem, in der erwartbaren Reaktion der Trojaner.
Erst dieses Wirkgefüge macht aus dem Pferd eine Systemerfindung. Die Mauer wird nicht überwunden, sondern funktional bedeutungslos.
Erfindungen entstehen häufig nicht dadurch, dass eine bestehende Lösung immer weiter verbessert wird. Manchmal entsteht der entscheidende Schritt erst dann, wenn eine scheinbar selbstverständliche Voraussetzung infrage gestellt wird.
Vielleicht braucht es dafür genau diesen Moment am Fluss: Abstand. Nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Voraussetzung dafür, sie anders sehen zu können. Wer sich nur innerhalb eines bestehenden Problems bewegt, optimiert oft nur die vorhandenen Möglichkeiten. Wer einen Schritt zurücktritt, erkennt vielleicht, dass das Problem selbst anders formuliert werden kann.
Odysseus steht damit für eine Form von Intelligenz, die die Griechen mit mētis verbanden: situationsbezogene Klugheit, Beweglichkeit, List und die Fähigkeit, eine Konstellation zu verändern, statt frontal gegen sie anzurennen.
Aber es wäre zu einfach, das Trojanische Pferd nur als Triumph erfinderischen Denkens zu feiern. Die Qualität einer erfinderischen Idee sagt noch nichts über die Qualität ihrer Folgen aus. Das gilt für das Trojanische Pferd ebenso wie für viele spätere technische Entwicklungen. Vielleicht ist deshalb auch Oppenheimer – ebenfalls ein Film von Christopher Nolan – eine moderne Variation desselben Grundkonflikts: herausragende geistige und technische Leistung auf der einen, kaum beherrschbare Folgen auf der anderen Seite.
Und ich denke, auch und gerade diese Ambivalenz ist der Grund, warum Odysseus bis heute interessant bleibt und nun wieder im Kino präsent ist. Er ist nicht nur klug. Er ist weltfähig. Und diese Weltfähigkeit ist nicht unschuldig.
Für Troja endet die Problemlösung in einer Katastrophe. Für Odysseus ist der Sieg noch lange keine Heimkehr.
Und damit beginnt die Odyssee.
